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KURZGESCHICHTEN

von Christian Kranich

Die Kurzgeschichte "Doktor Mabuse" ist aktuell eingereicht beim ROMANFABRIK-SchreiberInnen-Preis (RSP). Die ROMANFABRIK Frankfurt schreibt zum zweiten Mal gemeinsam mit der Faust Kultur Stiftung und der Ardi Goldman Kunst- und Kulturstiftung  aus. Der  Kurzgeschichtenpreis fördert die literarische Stimmen aus dem deutschsprachigen Raum und vernetzt Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mehr dazu auf: https://www.romanfabrik.de/

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1| 

Es war nicht der Geruch an sich, der mich zurückschrecken ließ. Auch nicht das Fehlen der Blumen in meiner Hand. Auch nicht das Grau des Sommertages – ein Grau, träge und schwer, dass sich auf meine Schultern legte wie der Mantel meines Großvaters, gleich einer tonnenschweren Last. 

 

Kalter Empfang. 

 

Die Kälte, die Leere, die Nicht-Geräusche auf dem Linoleumboden des Krankenhauses. Da war ich also im Krankenhaus mit Blick auf den schönsten Friedhof Münchens – das sollte mich doch gleich freudig stimmen. Ironie, die Zuflucht eines zunehmend Verzweifelten.

 

Ich wollte E besuchen. Doch erst musste ich ihn finden. Warum ist ein Besuch im Krankenhaus immer auch eine Suche? Einchecken am Anfang, ein gelangweilter Blick, eine Auskunft, und dann gilt es, eine Route zu verinnerlichen, komplexer als jede Aerobic-Choreografie aus dem heimischen Fitnessstudio.

 

Man verläuft sich. Zumindest ich.

 

Das Bild der Suche trug nicht. Ich suchte hier niemanden. Alles, was ich finden würde, würde ein Mann sein, der stirbt. Der Blick auf den Friedhof wies den Weg. 

 

Ich war angekommen, klopfte und blieb ohne Antwort, kein Wort der Ermutigung wurde verkündet. Zögernd öffnete ich die Tür, immer weiter – blieb stehen. Weißer Raum, vier Betten, zwei an jeder Seite, gegenüber drei großen Fenstern und wieder dieser Blick. In der Ferne lagen die bayrischen Alpen, davor ein großes Grün und darunter die Gräber. Man erahnte sie mehr, als dass man sie sah. Die Bäume warfen dunkle Schatten und hielten die Szenerie geschlossen wie ein dichter Vorhang.

 

Vorhang auf! 

 

Drei der Betten waren belegt. Die Technik summte, der Atem ging hier schwer. Alles wirkte wie ein Altenheim, 80-jährige Männer. Aber hier war niemand alt. Hier wurde jung gestorben. 

 

Ich schaute in ihre Gesichter. Maskengleich wurde zurückgeschaut. Was ein Jahr zuvor in der Disco für mich, der Beginn einer vielversprechenden Begegnung hätte sein können, war jetzt nur Distanz und Dissens. Aber wer war hier wer und wer von ihnen war E? Panik überkam mich, ich erkannte hier nichts und niemanden. Aber E musste hier sein! Doch in ihren Totenmasken glichen sie alle einander. Ich war wie blind. Ich wollte fliehen, ich wollte rennen, wollte einfach weg – aber ich ging voran. Am ersten Bett angekommen, zögernd: „E?“

 

„Oh, das wollte ich sehen – ob du mich wohl erkennen würdest? Noch erkennen würdest? Oder mich schon vergessen hast.“

 

E stand versteckt im Schatten eines Schranks seitlich der Tür. Provokant schaute er mich an. Er lachte laut. Sein Spiel ging auf. Er lachte und hielt sich den Bauch. Er hatte gewonnen. Wir wussten: Ich hatte verloren, ich hatte das falsche Bett gewählt. Gefühlt – das falsche Leben. 

 

„Ich, ich …“ ich hatte nichts zu sagen. Gar nichts. Ich hatte keine Worte mehr. Mein Mund war trocken, kein Laut, obwohl alles in mir schrie. 

 

Hätte ich nur geschrien, das hätte dem Ganzen Ausdruck gegeben. Aber ich, ich schwieg. Hilflos und erschöpft schaute ich E an.

 

Er nahm mich in seine Arme, so gut es ging mit Schlauch und Infusion. Jetzt bereute er seinen Auftritt. Ich sah es ihm an. Aber ich verstand schon damals das Spiel, das Warum, die Propaganda. Glamorous death was his destination. Doktor Mabuse unser aller Prophet.

 

„Jetzt schau doch nicht so traurig!“ hatte E noch ein Jahr zuvor zu mir gesagt. Wir tranken ein kühles Bier und seine Augen folgten einer Beute, die er gleich zu erlegen gedachte. Doch noch einen letzten kurzen Moment war er bei mir, einen kurzen Moment blieb der Vorhang zum Darkroom noch geschlossen – er war jetzt ein Freund, der seinem zwanzig Jahre jüngeren Ich etwas mit auf den Weg geben wollte. Ich hatte damals alles, was er einst hatte. Jugend, Unschuld, Leben, ja, vor allem Leben. Wir wussten schon um seinen Status. 

 

E schaute weg vom Vorhang, schaute mich streng an: „Lebe dein Leben und folge deinen Wünschen!“ und nach einer Pause „Hast Du eigentlich Wünsche?“ Meine Passivität ärgerte ihn. Ungeduldig ermahnte er mich, ich solle endlich nachdenken, in mich gehen, Antworten finden – und mich vor allem nicht abbringen lassen. E hatte eine Vision für sich und eine für mich. E forderte Leben ein. 

 

E sprach immer aus, was er dachte und wie er es dachte. Bei ihm musste man nicht überlegen, ob hinter dem Gesagten noch etwas anderes lag. Jeder konnte frei sprechen. 

 

Aber ich, ich schwieg. 

 

Ich war 17 Jahre alt. 

 

 

 

2| 

Meine Antworten viele Jahre später hatten es in sich. Ich hatte für viele eine Antwort. Einer der vielen war M aus Mazedonien. Er kam erst zu Beginn der zweiten Nacht in Berlin und nahm sich meiner an. 

 

Ich sehe ihn vor mir. Es fühlt sich an wie jetzt. 

 

In der letzten Brise des Abends wehen die allzu leichten Vorhänge des Hotelzimmers und ich höre die Stimmen der munteren Meute auf der Motzstraße: „Prost, mein Schatz.“ Unter meinem Fenster flirten sie und lassen die Dinge anlaufen. 

 

Bei mir hoch oben im Zimmer ist es dunkel, nur beleuchtet vom Schein meines Handys. Ich warte. Ich habe ja gesagt und mehr versprochen. 

 

„I need 15 minutes! Please wait for me!“ Er ist auf dem Weg zu mir. Eben war er noch eine der Stimmen dieser Nacht, vielleicht eine der Stimmen unter dem Fenster. Er hat es wohl nicht weit. 

 

Schon öffnet sich die unverschlossene Tür. M erscheint im Türrahmen, tritt ein. Tritt auf mich zu. Es ist nur ein Bett im Raum, rechts an der Wand. Nur ein Mann darauf, ich – und er, er findet den Weg sofort. Licht hin oder her. 

 

Bevor ich ihn im Gegenlicht des Flures erkennen kann, spüre ich ihn. Ich rieche ihn. Er verströmt den Duft eines Landarbeiters bei der Olivenernte. Ich bin voller romantischer Motive. Erst später werde ich das Dunkle seiner Erscheinung wahrnehmen, die Haare, die Beine, sehnig, seine breiten Schultern – er ist stärker als man glaubt – und vor allem die Wärme seiner Haut. 

 

Als Tagelöhner versteht er zu verhandeln und nachdem wir uns geeinigt haben, nehmen wir unseren Lauf. 

 

Schnell füllt sich der Raum mit dem Geruch von Leder, kaltem Rauch und Chemie. Auch die Stimmen unter dem Fenster werden nun leiser. Die Nacht schreitet voran und es scheint, dass nun auch die letzten Matrosen den Hafen verlassen. Die Leinen sind los, in den Straßen von Berlin.

 

Doch wir sind high, hier hoch oben, hier im Hotel. Aber nicht hoch genug. Wir haben ambitionierte Ziele und M kennt den Weg. Präzise geht er vor. Die Kristalle im Wasserglas platziert M inmitten der Supernova. Die Prozesse sind nun rückwärtsgerichtet. Dieser Stern will nicht gebären, er will verschlingen. Gleich der Schöpfungsgeschichte implodieren nun Dopamin und Serotonin, gleichzeitig, wie eine kosmische Kraft. Ich fühle mich erleuchtet. Ich fühle mich erhoben über die Welt, frei der Sorgen. Verspüre keine Schmerzen. Alle Materie, alles Sehnen hat nunmehr nur ein Ziel, alle Energien streben jetzt dem Zentrum zu. 

 

Ich drifte dahin, Reales entgleitet, Wünsche materialisieren sich und das Bild des Hafens verselbstständigt sich zusehend. Teile der Mannschaft, der munteren Matrosen, hat Wind bekommen ob des kosmischen Ereignisses ein Stockwerk über ihnen. Die Tür fliegt auf. M hat eingeladen zum munteren Reigen. Getanzt wird wenig und munter ist ein dehnbarer Begriff. Ich kenne hier keine Namen mehr. Wir vergeben auch keine Nummern. Es ist eine gewaltvolle Gleichsamkeit. Alles treibt weiter seinem Ziel entgegen. Meine Supernova glüht nun rot wie die Sonne und beleuchtet die Szenerie. 

 

M steht wie ein Kapitän auf der Brücke. Nackt – seine Füße in meinen Sneakern herrscht er über uns. Führt sein psychodelisches Kommando. Das Zimmer schwankt, aber die Matrosen halten Kurs! Und wir mit Ihnen! Viele von ihnen haben noch Kleidung an. Uniform ist Trumpf, ausziehen Zeitverschwendung. Mit der Hose in den Kniekehlen durchmessen sie die Endlichkeit des Moments – gemeinsam sind wir unter uns. Wir sind der Moment. 

 

 

Wie es sich gehört, 

 

steht die Mannschaft nun wie ein Mann 

 

im Wind der Ereignisse,

 

bietet alles auf und 

 

bietet alles an,

 

was sie zu geben hat – 

 

und gibt – 

 

und ergibt sich,

 

ergibt sich dem Moment,

 

bis alles stillsteht,

 

still,

 

und Ruhe findet.

 

Erschöpftes Atmen 

 

füllt den Raum,

 

ein, aus,

 

ein, aus,

 

ein.

 

 

Als die ersten nach dem Handy greifen, von Bord gehen und der Wind nachlässt – die laue Sommernacht, die nun ein Morgen ist, wieder Chance hat wahrgenommen zu werden – ist es Zeit für den Auftritt der letzten Instanz.

 

Oxytocin breitet seinen warmen Mantel aus und lädt ein zum Verweilen. M und ich schauen uns in die Augen. Berühren uns zart. Ein letztes Mal, vorsichtig dringt er in mich ein. 

 

Auch die Supernova hat nun ihre Rolle gefunden, in der aufgehenden Sonne über Berlin. 

 

 

 

3| 

Der Stern von E, der schien hell. 

 

Erloschen ist er viel zu früh. E hatte immer Ahnung, auch Vorahnung, auch Wissen – außerdem einen gepflegten Schnauzbart. Damit war er ganz ein Clone seiner Zeit: Ein Jeans-Boy der 80er im karierten Hemd und Bluejeans. Er war Hure und Heiliger zugleich. Gerne auch in Leder, gerne im Stall, mit einer wilden, ungestümen Lebenslust gesegnet.

 

Als E dem anderen damals in der Bar in den Darkroom folgte und die Jagd ihr allzu leichtes Ende fand, raunte mir ein Freund zu: „E hat schon über tausend Männer gehabt. Über 1000, kannst du dir das vorstellen?“ Darauf hatte ich keine Antwort – und wohl auch keine Vorstellung davon. Damals in der Bar wusste ich noch nicht, dass eine Zahl nur eine Zahl, ein Leben nur ein Leben ist.

 

Was mir lange als harmloses Bargespräch in Erinnerung blieb, wirkt heute, mehr als vierzig Jahre nach dem Beginn der Aidskrise, wie ein Vermächtnis in den Spiegel einer verlorenen Zukunft. 

 

E spricht mit mir, fordert seine Antwort ein – eine Stimme hallt im Raum.

 

Mir scheint, als fiel erst gestern eine Tür ins Schloss – Olivenhaine am Horizont. 

 

Auch die Matrosen, segeln unter neuer Flagge – auf hoher See.

 

Und hier bei mir, da ist es still. 

 

Heute stehe ich an Deck, ganz klar die Nacht – und sehe einen Stern. 
 

Wer bist du, sag –
der keine Antwort sucht?

Christian Kranich | Mai 2026

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