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Digitale Spiegelung oder wie Lyrik und Grafik sich begegnen

Christian Kranich
21. Sept.
2 Min. Lesezeit

Es gibt Begegnungen, die nicht davon abhängen, dass man sich gegenübersitzt. Manchmal entsteht Nähe im Digitalen, durch ein Bild, ein Foto, einen Text oder einen Gedanken, der einen erreicht, obwohl man den Menschen dahinter noch nie persönlich getroffen hat.


Eine solche Begegnung ist für mich der Austausch mit Fabro aus Argentinien, der aktuell in Bilbao seine künstlerische Vision verwirklicht.


Was mich daran besonders berührt, ist nicht allein seine darstellende Kunst. Es ist das Gefühl, in seinen Zeichnungen etwas wiederzufinden, das auch meine eigene Lyrik und Schriftstellerei bewegt. Als würden sich zwei künstlerische Ausdrucksformen begegnen und in der Arbeit des jeweils anderen etwas erkennen, das ihnen selbst vertraut ist.


Wenn ein Bild ein Lebensgefühl trägt


Fabros Zeichnungen erzählen von erwachsenen Figuren, von Körpern, Begegnungen, Begehren und Bewundern. Seine Männer sind nicht bloß Gegenstände einer Darstellung. Sie tragen eine eigene Präsenz, eine Spannung, eine Lust am Leben, die mich anspricht.


Dabei geht es mir nicht um die Frage, ob sich unsere Arbeiten in jedem Detail gleichen. Im Gegenteil: Gerade in der Verschiedenheit der Ausdrucksformen liegt für mich der Reiz. Er arbeitet mit dem Strich, ich mit dem Wort. Er setzt Linien, ich suche nach Sätzen. Er lässt Körper und Blicke sprechen, ich versuche, innere Bewegungen, Widersprüche und Sehnsüchte in Sprache zu fassen.


Und doch gibt es etwas, das sich dazwischen ereignet.


Fabros Blick auf männliche Lust, auf die Spannung zwischen Körpern und auf die Schönheit erotischer Begegnungen berührt auch meinen eigenen Blick. In meinen Gedichten und Geschichten geht es immer wieder um Begehren, um Nähe und Distanz, um das, was Menschen einander zeigen – und um das, was zwischen ihnen unausgesprochen bleibt.


Es ist genau dieser gemeinsame Resonanzraum, in dem ich mich in seinen Figuren und seiner Kunst wiederfinde.


Der Zauber der digitalen Begegnung


Wir leben in einer Zeit, in der Begegnungen zunehmend digital entstehen. Das kann flüchtig sein, manchmal oberflächlich. Aber es kann auch etwas Unerwartetes geschehen: Man fühlt sich einem Menschen verbunden, den man noch nie im selben Raum getroffen hat.


Nicht, weil man alles voneinander weiß. Sondern weil etwas von dem, was dieser Mensch schafft, einen erreicht.


Ein Bild kann einen Gedanken auslösen. Ein Gedicht kann eine Erinnerung wecken. Eine Zeichnung kann eine Stimmung sichtbar machen, für die man selbst lange nach Worten gesucht hat.


So entsteht eine Form von Nähe, die nicht auf gemeinsamer Geschichte beruht, sondern auf gegenseitigem Erkennen. Man begegnet sich zunächst in der Kunst – und vielleicht später auch als Mensch.


Für mich ist das eine der schönen Seiten des digitalen Raums: Er kann Verbindungen ermöglichen, die ohne ihn vielleicht nie entstanden wären.


Schwarz getuscht – eine lyrische Annäherung


Mein Gedicht SCHWARZ GETUSCHT (INKED LIFE) ist aus dieser digitalen Begegnung hervorgegangen. Es versucht, mit den Mitteln der Sprache auf das zu reagieren, was ich in Fabro‘s Zeichnungen wahrnehme.


Dichtung und Zeichnung müssen nicht dasselbe erzählen. Sie müssen sich auch nicht gegenseitig übersetzen. Manchmal genügt es, dass sie einander etwas zutrauen: einen eigenen Blick, eine eigene Wahrheit, eine eigene Form von Schönheit.


Und vielleicht stellt sich dann, zwischen einer Zeichnung und einem Gedicht, tatsächlich ein kleiner Zauber ein. In einer Begegnung, die noch gar nicht stattgefunden und doch längst begonnen hat. HIER lesen

 
 
 

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